Brunnenkresse im Herzen

Das Telefon steht selten still in diesen Tagen im Traditionsunternehmen „Erfurter Brunnenkresse“ im Dreienbrunnengebiet. Mitten in der Saison ist die Nachfrage nach dem gesunden Frischgemüse besonders groß; Menge und Termine für die Abholung werden deshalb oft fernmündlich abgestimmt. „Am Stück oder in Scheiben?“ fragt Ralf Fischer gewohnt fröhlich in den Hörer. Man merkt ihm an, wie sehr er mit der Brunnenkresse verwurzelt ist. 1990 hat er den Betrieb von seinen Eltern übernommen, nun führt er ihn in der fünften Generation fort und bringt entsprechend viel Erfahrung mit.

Apropos Wurzeln: der Wurzelteppich für die Erfurter Brunnenkresse gedeiht in den letzten verbliebenen und aktiv bewirtschafteten Klingen in Erfurt, die damit seit 2013 auch im Denkmalbuch der Stadt verewigt sind. Einst waren es über 60. Doch der Anbau ist anspruchsvoll, braucht sehr genaue Parameter, damit die Kresse die gewünschte Qualität erreicht.

 

„Mineralisches und nährstoffhaltiges Quellwasser, das im Gefälle fließt und auf 11,2 °C temperiert ist, ist optimal.“ informiert der 68-jährige und erzählt weiter, dass das Gemüse aus der Rettich-Familie bereits 1630 entdeckt wurde. In der Folge beschäftigte sich der Begründer des Gartenbaus in Deutschland, Christian Reichart, intensiv mit dem planmäßigen Anbau von Brunnenkresse und verhalf dem vitaminreichen „Superfood“ so zu einiger Berühmtheit. Sogar Kaiser Napoleon Bonaparte war so begeistert von dem Kraut, dass er Anfang des 19. Jahrhunderts kurzerhand zwei Gärtner mit nach Frankreich nahm, um nach Erfurter Leitbild Brunnenkresse anzubauen.

 

Noch bis in die 1960er Jahre wurden mehr als 40 Tonnen jährlich geerntet. Doch mit dem Entzug der Verfügungsrechte in der DDR – der Boden wurde kurzerhand zum Volkseigentum - wurde es still um die meisten Klingen. Familie Fischer ist es zu verdanken, dass die jahrhundertelange Tradition für Erfurt erhalten blieb. Aus der damaligen Tonnenernte ist mittlerweile ein Exklusivprodukt geworden, das von der Menge gerade für Stammkunden und regionale Restaurants langt. Manchmal bleibt nicht einmal was für den Eigenbedarf. „Aber wenn“ ergänzt Karola Fischer „dann gibt es einen frischen Salat!“

 

Eigens für die BUGA 2021 wird eine der vier Klingen ganzjährig kultiviert, sodass die Besucher während der Führungen Blüte, Ernte und Genuss der Kresse hautnah mitbekommen. Und auch für Mitbringsel für Zuhause wird gesorgt: Salz, Senf und Schnaps mit der grünen Spezialität wird es ebenso geben, wie eine regionale Kochbox „Wildrausch“ mit Kresse-Rezepten. Der Verkaufsraum wurde liebevoll zu einem kleinen Museum umgestaltet, das zu einer Zeitreise durch die Jahrhunderte einlädt.

 

Wenn möglich, so wollen die Fischers weiter machen, bis sie 85 Jahre alt sind. „Es macht einfach Freude, andere mit der Leidenschaft für Brunnenkresse anzustecken.“ strahlt Ralf Fischer, bevor er sich wieder über den Kresse-Teppich beugt und mit scharfem Messer und routinierten Bewegungen das Gemüse erntet, das Erfurt einst international berühmt machte. Selbst heute noch kommen Gäste aus New York oder Neuseeland.

Fotos und Text: Franziska Waldner