In allem ist Wasser

Viktoria Wille sucht den Weg in die Köpfe und Herzen der Betrachter

Sengende Hitze, der Sand flimmert in der erbarmungslos scheinenden Sonne. Eine zierliche, dunkelhaarige Frau läuft durch die Wüste, ihre Aufmerksamkeit ist ganz auf eine unbekannte Apparatur gerichtet. Sie bleibt stehen, prüfende Blicke, dann geht sie zielgerichtet weiter.

 

In der Nähe einer großen Kakteengruppe findet sie, was sie sucht: Wasser, das Element des Lebens, das alle Klimazonen unseres Planeten verbindet. In der Hand hält sie  eine moderne Form der Wünschelrute.

Szenenwechsel: Am Ende  einer engen Schlucht eröffnet sich der Suchenden eine gegensätzliche Welt. Grün  in großer Vielfalt, der  Wasserreichtum des Urwaldes und der urwüchsige Dschungel mit Stegen, Hängebrücken bestimmen diese geheimnisvolle Landschaft. Wasser gibt es hier im Überfluss, es tropft von den Pflanzen, zieht als Nebel durch die Bäume, füllt Flüsse und Bäche, sorgt für Artenvielfalt in Fauna und Flora.

Die Frau mit der Wünschelrute ist Viktoria Wille. Die  Sandlandschaft existiert so wie die Wüstenwanderung, das Tropenparadies oder die moderne Wünschelrute nur in ihrer Fantasie. Vorerst.

Viktoria Wille ist Szenografin, sie will die Wüstenlandschaft und den Urwald in Erfurt erlebbar machen. Die Sandlandschaft mit der Vielfalt ihrer Lebensformen ist  eine Adaption der  Danakilwüste in Äthiopien. Diese verbindet zwei unvereinbar scheinende Gegensätze: Danakil gilt als eine der lebensfeindlichsten Regionen der Erde und ist dennoch die Wiege des Lebens.  Viktoria Wille ist von dem Thema fasziniert. Die 40-jährige Berlinerin hat sich nach dem Architekturstudium schon früh auf die Szenografie konzentriert.  Räume zu gestalten, die Emotionen bei den Betrachtern wecken, die neugierig auf tiefgründigeres Erfahren machen und (ganz nebenbei) Wissen vermitteln - das hat sie begeistert.

Nach mehreren Jahren in renommierten Büros hat sie die Chance ergriffen und ihre eigene Firma gegründet. „Stories within architecture „ – der Name ist Programm. Ihr Credo: „Storytelling ist der Weg in die Köpfe und Herzen der Betrachter. Wer sie erreichen möchte, muss Grenzen überschreiten. Er muss Worte finden, Bilder malen und Räume gestalten. We tell stories within architecture.“ Viktoria Wille ist der kreative Kopf des Teams von Architekten, Grafikern, Innenarchitekten und Autoren. ganzheitliche Ausstellungsgestaltung aber auch oder Sinneserlebnisse in der Gastronomie gehören zu den Referenzen.

Und nun Erfurt und die geplante Klimazonenwelt. Viktoria Wille ist Teil des interdisziplinären Teams, das den dafür ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen hat:  Henchion Reuter Architekten haben das Gebäude für die künftige Klimazonenwelt entwickelt, Rehwaldt Landschaftsplaner aus Dresden die Gestaltung des Landschaftsumfeldes entworfen und Viktoria Wille hat mit ihrem Team das Storytelling für die künftige Ausstellung erdacht. Das Erfurter Vorhaben ist das erste gemeinsame Projekt, das sie mit den Partnern umsetzt. Alle vier kennen sich schon länger und haben nun endlich die Gelegenheit zusammen zu arbeiten.

 

Mit Viktoria Wille haben wir über ihre szenografische Idee, die Teil des Siegerentwurfes für  die künftige Klimazonenwelt war, gesprochen. Entstehen soll das Vorhaben im egapark bis zur Bundesgartenschau 2021.

Mit welcher Geschichte würden Sie die Besucher durch die Klimazonenwelt führen?

Viktoria Wille: Es ist wie eine Reise, wir wollen die Besucher auf die Spur des Wassers schicken. Hinweis: Wasser ist das einzige Element auf der Erde, das natürlich in allen Aggregatzuständen vorkommt. Dabei bleibt seine Menge gleich – nur seine Verteilung ändert sich stetig. Es ist in der Luft, in Pflanzen, im Boden oder auch in uns. Der Lauf des Wassers leitet die „Reisenden“ thematisch auf einem Hauptweg durch die klimatypischen Landschaften. Viele kleine Nebenpfade laden dazu ein, die Pflanzen- und Tierwelt zu entdecken oder eigene Forschungen zu betreiben.

Was hat Ihren Entwurf zum Wettbewerbssieger gemacht?

Wir wollen mit unserer Ausstellung die Besucher für Wüste und Regenwald begeistern und auf die großen und kleinen Geheimnisse beider Extreme aufmerksam machen. So haben wir vor, die Pflanzen und Tiere nicht nach ihrem Vorkommen in der Welt, sondern nach ihren faszinierenden Überlebensstrategien zu gruppieren/sortieren. In unserer Idee erzählen Pflanzen oder Tiere als Protagonisten, wie sie sich an die besonderen Lebensbedingungen angepasst haben, was sie erfolgreich gemacht hat. Wüste und Regenwald – beides sind hochspezialisierte Lebensräume die einander in vielerlei Hinsicht bedingen. Seit längerem können wir beobachten, dass die Größe der Wüstengebiete auf der Erde wächst und der Regenwald schrumpft. Auch dafür wollen wir durch das Erlebnis in der Klimazonenwelt sensibilisieren.

Wie funktioniert Ihre Ausstellungsidee?

Viktoria Wille: Die Idee die Besucher mit einer Wünschelrute auf eine Reise zu schicken finde ich total spannend. Sie ist jedoch nicht der Kern der Ausstellung, sondern nur ein Schlüssel der dem Besucher einen Perspektivwechsel ermöglicht. Er wird animiert stehen zu bleiben und beschäftigt sich über das Leitthema Wasser mit faszinierenden Überlebenskünstler, an denen er sonst vielleicht vorbeigegangen wäre., Die Wünschelroute hilft, das Umfeld intensiver zu betrachten und öffnet so neue Themen. Wir haben verschiedene Fachleute im Team und versuchen, alle Sinne anzusprechen, Emotionen zu wecken und über diesen Weg Wissen zu vermitteln. Wenn es obendrein noch Spaß macht, dann haben wir alles richtig gemacht.

 

Zahlen und Fakten

Auf einer Fläche von 5300 m² sollen am Standort der ehemaligen Zentralgaststätte im egapark ein 3300 m² großes Wüsten- und ein Urwaldhaus  sowie ein 2000 m² umfassender Wintergarten entstehen. Neun Büro-/Bietergemeinschaften  beteiligten sich am interdisziplinären Wettbewerb, sechs erfüllten alle Kriterien und kamen in die Endauswahl.  Text: Christine Karpe