Erfurter Gartenschätze glänzen am Petersberg

Pflanzstart für eine außergewöhnliche Gartenidee

Besondere Gartenschätze schmücken zur Bundesgartenschau einen Teil der barocken Festung Petersberg. Im unteren Teil des Festungsgrabens werden zur BUGA Züchtungen und gärtnerische Erfolge aus der langen Tradition des Gartenbaus in Erfurt gepflanzt. Einzigartig ist die Pflanzenauswahl und Sortenvielfalt. Neben den bekannten Blumenbeeten einer Gartenschau werden im kommenden Jahr ausgewählte Faserpflanzen, Kräuter, Heil- und Duftpflanzen sowie Erfurter Gemüsesorten im Ausstellungsbetrag „Erfurter Gartenschätze“ im Festungsgraben die Besucher begeistern. Ein Teil von ihnen hat seine züchterischen Wurzeln in Erfurt,  bekannte Sorten wie z. B. der Blumenkohl „Erfurter Zwerg“, die Buschbohne „Ruhm von Erfurt“, der Kopfsalat „Brauner Trotzkopf“, die Puffbohne „Beste Erfurter Volltragende“ oder der Weißkohl „Juniriesen“.

"Hier wachsen alles Erfurter Kinder“, wie BUGA-Planerin Bettina Franke zum Pflanzstart am 29. September 2020 im Festungsgraben des Petersberges ankündigte. Alle Pflanzen stammen aus Erfurter Gärtnereien und werden von der Firma Palinske in die Erde gebracht. Die installiert in den Erfurter Gartenschätzen ein hochmodernes Beregnungssystem, so dass die Pflanzen mit sehr unterschiedlichen Ansprüchen bedarfsgerecht bewässert werden können.

Für diese besonderen Ausstellungsbeiträge wurde zuvor der Boden bereitet. Auf rund 3.400 m² Freifläche wurde die Grasnarbe abgetragen und Boden aufgefüllt, eine Mischung aus Kompost, Unterboden und auflockernden Substanzen.  Die Gärtner von Palinske haben am 29. September auch mit der Aussaat des Färberwaides begonnen, einer Pflanze, die einst Ruhm und Reichtum in die Stadt brachte.

 

Eine Idee und ihre Protagonisten

Die Ideen für die Ausgestaltung des Festungsgrabens basieren auf den Planungen von Heuschneider Landschaftsarchitekten. Gärtner, Gartenbaufachleute und BUGA-Verantwortliche verliehen dem Konzept den fachlichen Feinschliff und machten es überhaupt erst umsetzbar.

 

Unterteilt wird dieser Ausstellungsteil in drei Themenbereiche, in allen steckt das geballte Wissen des aktuellen Erfurter Gartenbaus und seiner Protagonisten, wie Wolf-Dieter Blüthner, Vorstandsmitglied im Verein der BUGA-Freunde. „Die Pflanzlisten sind in enger Zusammenarbeit mit den Mitgliedsbetrieben des Landesverbandes Gartenbau entstanden. Wir haben Saatgut und Pflanzen ausgewählt, die regional verfügbar sind. Dabei lag das Augenmerk auf historischen Sorten mit Erfurt-Bezug. Aber auch Lebensraum, Farbkombination, Habitus, Blüh- und Fruchtfolge spielen eine wichtige Rolle. 

Was wird die Besucher ab April 2020 erwarten? Gepflanzt und gesät wird im Streifenmuster. Das ist typisch für Erfurt, so wie auf alten Postkarten und Fotos der historischen Gartenschauen. Dieses Muster steht auch für die über Jahrhunderte bekannten Blumenfeldern in unserer Stadt. Sie haben Erfurt den Namen Blumenstadt verliehen. Zunächst fällt dem Betrachter die Vielfalt der Pflanzen in den Streifenbetten ins Auge. Getrennt durch auffällige Blumengruppen präsentieren sich vom Festplatz kommend die Ausstellungsbereiche Arznei- und Gewürzpflanzen, Gemüse, Färbe- und Faserpflanzen.

 

Ein Kräutlein für alles

Den Anfang machen die für Thüringen wichtigen Arzneipflanzen Kamille, Pfefferminze, Melisse, Johanniskraut, Spitzwegerich, Baldrian und Kapuzinerkresse.  Sie werden auf größeren Flächen gezeigt. Auf 40 kleinen Parzellen wachsen wichtige Arzneipflanzen Europas, geordnet nach medizinischen Einsatzbereichen wie z.B. Herz, Niere, Haut, Magen, Leber, Hals, Rachen und Lunge. Was Pflanzen alles können, lernen die Besucher nicht nur bei einem Rundgang entlang der Kräuterbeet kennen. Mehr als 3500 Setzlinge in sieben verschiedenen Sorten werden zur Ausgestaltung dieses Areals verwendet. Beinwell, Herzgespann, Benediktenkraut, Guter Heinrich oder Schwarzkümmel gehören zu den ausgewählten historischen Sorten. Dieser Ausstellungsbeitrag schafft einen engen Bezug zur Klosterzeit auf dem Petersberg und zum medizinischen Wissen von dessen Bewohnern.

Pflanzen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) erinnern an die medizinische Anwendung in anderen Teilen der Welt. Vervollständigt wird dieser Bereich durch einen Ausstellungspavillon zu Arznei- und Gewürzpflanzen. Dieser Bereich wird vom Thüringer Interessenverband für Heil-, Duft- und Gewürzpflanzen (TIHDG) gestaltet. Informationen zu Arznei- und Gewürzpflanzen ergänzen das Gezeigte. Teeverkostungen und ein Sitzbereich laden die Besucher zum Verweilen ein.

Alles Gemüse oder?

Der große Gemüsebereich schafft die direkte Verbindung zur großen Erfurter Gartenbautradition. Zwei Besonderheiten ergänzen die über 100 verschiedenen Gemüsesorten im Beet oder im Kübel: Die lebendige Gegenüberstellung historischer Erfurter Gemüsesorten im Vergleich zu modernen Sorten und die Präsentation von Samenträgern als Erinnerung an die zentrale Bedeutung der Samenproduktion in und um Erfurt. Vom Setzling bis hin zur Blüte sollen die Besucher Nutzpflanzen auf eine neue Art und Weise erleben. Mehr als 11.000 davon sind geplant. Sieben Kohlsorten vom Spitzkohl bis zum Blumenkohl gehören dazu. Was sonst in Topf und Pfanne zu leckeren Gerichten verarbeitet wird, findet sich ebenfalls in den Beeten am Fuße der Festung: Auberginen, Sellerie, Kopfsalate, Möhren, Spinat oder Rettich“, erklärt Planerin Bettina Franke.

Inmitten des Gemüsebereichs lädt „Der Gärtnertreff“ täglich zu Vorträgen, Aktionen, Rundgängen und Gesprächen ein. Für die Besucher werden ständig fachkundige Erfurter als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Realisiert wird das vom Landesverband Gartenbau Thüringen mit ehrenamtlicher Unterstützung zahlreicher Gärtner, gärtnerischer Lehr- und Forschungseinrichtungen und fachkundiger Erfurter. Ihnen allen ist es ein Herzensanliegen, die Besonderheiten des Erfurter Gartenbaus für die Besucher erlebbar zu machen.

Gemüse und Kräuter im Kübel   geben Anregungen für den kleinen Garten, für den Balkon oder die Terrasse. Hier wird auch eine weitere Besonderheit demonstriert, die Erfurt bereits in der Historie bekannt machte: der Anbau von Brunnenkresse im fließenden Gewässer. Seit 1630 wird hier nachweislich Brunnenkresse angebaut. Christian Reichart, der Universalgelehrte und Begründer des deutschen Gartenbaus, perfektionierte später das Anbausystem.  

Das goldene Vlies von Erfurt

Nach einem weiteren Blumenband eröffnet sich der dritte Ausstellungsbereich - die Färber- und Faserpflanzen. Natürlich wird hier der Waid, das „goldene Vlies Erfurts“, eine zentrale Rolle spielen. Doch auch Faserpflanzen wie der Hanf, oder die Faserbrennnessel finden dort ihren Platz. 15 historische und neue Sorten – in Summe mehr als 6000 Pflanzen – werden im Festungsgraben die Vielfalt und Ästhetik der Färber- und Faserpflanzen belegen. Die vielseitige Verwendung der gezeigten Pflanzen und die historischen Bezüge machen die Besonderheiten dieses Ausstellungsbeitrages aus.

Für den Anbau der doch recht ungewöhnlichen Sorten auf Schaubeeten wurden Aussaat- und Anzuchttests gemacht, sie lieferten für die spätere Bepflanzung im Festungsgraben wichtige Hinweise. Das Landesversuchszentrum Gartenbau unterstütze dabei mit seinem Fachwissen. Vom ersten bis zum letzten Tag der BUGA soll es hier ganz besondere Ausstellungsbeiträge für die Besucher und einen bleibenden Eindruck von den Erfurter Gartenschätzen geben.

Der Ausstellungsbeitrag im Festungsgraben bietet einen besonderen Spaß: Hinab geht es – wer es rasant mag – auf langen Rutschen. Die führen mitten durch ein duftendes Kräuterbeet. Aufgrund der Hangneigung und der damit verbundenen schwierigeren Bewässerung werden hier Kräuter aus dem mediterranen Raum wachsen. Sie sind trockenheitsverträglicher. Auch am Rutschenhang wird gepflanzt, die Gärtner der Firma BTS brauchen schon fast Bergsteigereignung aufgrund der Hangneigung. Geschäftsführer Tom Steinbrück hat den Pflanzplan im Auge, eine große Kräutervielfalt muss in die Erde.

 

Vervollständigt wird dieser Ausstellungsbereich durch eine Rosenpflanzung, einen Weinhang am Vinarium und durch einen Streuobstbereich mit Outdoor-Küche.

Visualisierungen: KLP Kummer Lubk und Partner

Fotos: Paul-Philipp Braun