Heilige Bastionen

Die Festungswerke der Zitadelle Petersberg wurden vom Mainzer Erzbischof nach Heiligen benannt.

1664 unterwarf der Mainzer Erzbischof und Kurfürst Johann Philipp von Schönborn die einstige Mittelaltermetropole Erfurt. Die Bürgerschaft verlor damit ihre jahrhundertelange Autonomie. Eine Reihe von Symbolakten unterstrich die neuen Machtverhältnisse. So mussten Rat und Bürgerschaft dem Kurfürsten vor den Domstufen huldigen. Das sichtbarste Zeugnis der kurmainzischen Herrschaft ist die postwendend 1665 begonnene Zitadelle Petersberg. Zwar diente sie keineswegs allein als Zwingburg gegen die Erfurter, sondern hatte auch große militärisch-außenpolitische Bedeutung. Nichtsdestotrotz brachte der Kurfürst hier seine Herrschaft demonstrativ zum Ausdruck. So findet sich etwa am Kommandantenhaus, einem der ersten Gebäude, das von zwei Löwen gehaltene imposante Wappen Schönborns.

 

Mit der Unterwerfung Erfurts unter Kurmainz starben auch die letzten, noch wenige Jahrzehnte zuvor von Schwedenkönig Gustav II. Adolf genährten Hoffnungen, die Reformation in der Stadt endgültig umzusetzen und sich Besitzungen der katholischen Kirche einzuverleiben. Immerhin verfügte diese u.a. mit dem Dom und der Peterskirche auf dem Petersberg über die größten Kirchen der Stadt. Die mehrheitlich protestantische Bürgerschaft musste die vom Kurfürsten gestützte Geistlichkeit und konfessionelle Minderheit weiter dulden. Auch hierfür finden sich Spuren an der Zitadelle Petersberg, eine der besterhaltenen barocken Stadtfestungen in Europa.

 

Typisch für diese Verteidigungsbauwerke sind die spitzwinklig vorspringenden Bastionen und vorgelagerten Ravelins. Sie erhielten die Namen von Heiligen, deren Verehrung Protestanten eher fremd ist. So finden sich in Erfurt kaum Denkmale von Heiligen. Stattdessen prangen ihre Schriftzüge aber an den riesigen Festungsmauern, die in Vorbereitung auf die Buga 2021 aufwändig saniert werden. Die ersten Namenspatrone waren St. Leonhard und St. Kilian für die beiden vom Kommandantenhaus aus vorspringenden Bastionen. Der Heilige Kilian, ein irischer Mönch und Missionar des 7. Jahrhunderts, ist einer der Patrone des Bistums Erfurt. Den beiden Bastionen wurde später der nach 1990 rekonstruierte Ravelin Peter nach dem Apostel St. Petrus vorgelagert.

 

Leonhard und Kilian folgte der populäre Heilige Martin, Patron des Mainzer Bistums. Der Bischof von Tours aus dem 4. Jahrhundert gilt mit der Legende seines für einen Bettler geteilten Mantels als Sinnbild christlicher Barmherzigkeit. Ihm ist jedes Jahr am 10. November gemeinsam mit Martin Luther das Ökumenische Martinsfest auf dem Domplatz gewidmet. Die ins Brühl ragende Bastion Martin wurde 1921 von der Zitadelle durch die Straße Lauentor abgetrennt. Mit den beiden Brücken des für die Buga entstehenden Bastionskronenpfades wird diese Lücke wieder symbolisch geschlossen. Die weiteren bis zum Ende des 17. Jahrhunderts weitgehend fertiggestellten Bastionen tragen die Namen der Heiligen Gabriel, Michael, Johann(es), Franz(iskus) und Philipp, die Ravelins heißen Anselm und Lothar.           

Text: Dr. Steffen Raßloff