• Paul-Philipp Braun

Das absolute Blumenverschenken

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Die beiden Besuchertage der Internationalen Tourismusbörse (ITB) brachten dem Messeteam noch einmal einige interessierte Gespräche, doch auch für die ITB gilt: Kulis sind für Manche spannender als Informationen.


Zurückhaltend und modern ist der Auftritt des Freistaats.

Weiße Teppiche, vereinzelt großen blauen Punkten versehen, kühles Licht, weiße Counter, über Ihnen schwebt eine große, ebenfalls weiße Projektionswand. „visit-thuringia.de“ steht in bauhausartigen Lettern auf dieser. Immer mal wechseln sich auf ihr ein Harz-Panorama mit dem Blick in den Pallas der Wartburg und einer Erfurter Stadtansicht ab.


Während eine Multimedia-Lounge mit bunten Bildern auf schwarzem Grund, dem Slogan Wir hören uns in Thüringen und sogenannten „Soundduschen“ für das Musikjahr 2020 wirbt, soll in der Mitte der Messehalle 11.2 die Thüringer Gastlichkeit gezeigt werden. Dafür werden mit Gürkchen gefüllte Rouladen mit Klößen gereicht, es gibt eine „Thüringer Brotzeit“ und Orangen-Ingwer-Limonade, die in den nasskalten Märztagen auch als Stärkung für die Abwehrkräfte verkauft werden könnte.

Alles in allem eine recht übersichtliche, gediegene und zugleich sehr moderne Darstellung des Freistaats. Lediglich die Präsentation der Eisenacher Drachenschlucht mit einer echten Pappmaschee-Schlucht und einem hochformatigen Monitor ragt aus dem zurückhaltenden und dadurch umso zeitloseren Messeauftritt heraus.


Doch während es vor allem die modernen aber kühlen Farben sind, die den Auftritt des Freistaats auf der weltgrößten Tourismusmesse zu dominieren scheinen, sticht ein randständiger Messestand daraus hervor.

Wie ein kleines Gallisches Dörfchen in Anbetracht des römischen Imperiums wirken die beiden Messewände, an denen insgesamt 300 rötliche und orangefarbene Blumen ein zeitweiliges Dasein in silbernen Aluminiumtöpfchen fristen.


An diesem Sonntag sind es sieben Tage, die die Azaleen, Läuseblumen, Milchsterne und Primeln nun schon in der vom kühlen Kunstlicht durchfluteten und auf mehr als 20 Grad Celsius aufgeheizten Messehalle hängen. Dass ihnen Frischluft, Wasser und Sonne fehlen, das lässt sich an einigen erkennen. Und doch sehen sie noch recht gut aus – für das, was ihr Blumenleben in der letzten Woche erleiden musste.


Auch Blumenkönigin Julia wirbt für die BUGA 2021.

So gut, dass das gemeinsame Team des Erfurter egaparks und der BUGA Erfurt 2021 – zu ihm gehört das Blumen-Potpourri – auch an diesem Besuchertag noch immer geduldig Auskunft gibt und erklärt, dass die Pflanzen auch wirklich echt sind. Ist diese Frage erst einmal gestellt und beantwortet, so lässt sich leicht mit den Endverbrauchern – so der messesprachliche Ausdruck für die Ottonormalverbraucher der letzten beiden ITB-Tage – ins Gespräch kommen.


Dass die Farben der Blümchen explizit den Logo-Farben der BUGA Erfurt 2021 entsprechen, das fällt vielen erst dann auf, wenn das Messeteam es ihnen erklärt. So auch einer Frau aus Cottbus, die in breitem Brandenburgisch gesteht, dass Sie es noch gar nicht mitbekommen habe, dass die Bundesgartenschau 2021 in Erfurt gastiert.

Detailliert erklärt Erfurts Blumenkönigin Julia Dombrowsky der Brandenburgerin die Erfurter BUGA und ihr Konzept. Auf einem Stadtplan zeigt sie ihr den egapark und kreiselt mit blauem Kuli den Petersberg ein. Erst als alle Fragen beantwortet sind, bedankt die Dame sich, packt noch ein Samentütchen der „Sommerblumenmischung“ ein und läuft in Richtung der Pappmaschee-Drachenschlucht.

Ihre Hoheit, Blumenkönigin Julia, ist bereits den zweiten Tag auf der Tourismusbörse in Berlin, um das Erfurter Team zu verstärken. Es mache ihr Spaß für die Gartenausstellung und die Landeshauptstadt zu werben. Auch wenn manche Besucher mehr Interesse an Samentütchen und Kugelschreibern, als an wirklichen Informationen hätten, sagt sie.

Anders sieht es bei Klaus-Peter Metzke aus. Zielstrebig kommt der Berliner an den Stand der Erfurter, begutachtet die Frühblüher in ihren Töpfen, sieht das auf den Alu-Pötten geklebte BUGA-Logo und beginnt zu referieren. Dabei erfahren egapark-Marketingchefin Ivonne Stampf und Blumenkönigin Julia von Metzkes Vorliebe für die Farbe Rot, seiner Begeisterung für Primeln, aber auch von der Internationalen Gartenschau (IGA), die vor zwei Jahren in Berlin gastierte. Sie habe „viel Gutes für die Stadt gebracht“, erklärt der offensichtliche Urberliner. Mit dem Wunsch, dass dies auch für Erfurt so komme, verabschiedet er sich nach seinem gut zehnminütigen Vortrag.


Immer wieder kommen Messebesucher an den blumigen Stand der Erfurter. Mal ganz bewusst, mal einfach so. Eine, die sich zielstrebig durch die Thüringenhalle zu dem Messeauftritt begibt, ist Nadja. Mit zwei großen Papiertüten in der Hand und einem offensichtlich schweren Rucksack auf den Schultern steht sie freudestrahlend vor der bunten Blumenwand am weißen Messecounter. Ihre Mutter habe in Erfurt studiert, ihre Urgroßmutter kam aus Saalfeld und schon als Kind war sie immer wieder in Thüringen unterwegs, erklärt sie. Dass sie auch heute noch gern in den Freistaat kommt und dann auch ihre drei Kinder mitnimmt, das ist für sie klar. „Von Berlin aus sind es ja nicht einmal zwei Stunden Zugfahrt“, sagt Nadja und erkundigt sich im gleichen Atemzug nach den Kosten für eine BUGA-Dauerkarte. Schon jetzt freue sie sich auf die Bundesgartenschau in der Blumenstadt.

Es ist gegen drei Uhr am Sonntagnachmittag, als der bis dahin eher mäßige Besucheransturm noch einmal leicht zuzunehmen scheint. Auf acht Euro haben die Veranstalter die Kosten für die Tageskarte der ITB nun reduziert. Bis dahin waren es noch 15.


Samentütchen mit Männertreu sind es, die bei den Gästen gut gefragt sind.

Doch während die Zahl der Gäste noch einmal steigt, scheint ihr Interesse an Informationen zurückgegangen zu sein. Wirkliche Gespräche, die über ein „Wo ist der egapark eigentlich?“ (In Erfurt!) , „Haben Sie auch Informationen zur BUGA in Heilbronn?“ (Nein, wir präsentieren die BUGA in Erfurt!) und „Was ist in dieser Verpackung?“ (Ein Kondom!) hinausgehen, die gibt es kaum noch.

Was wiederum stark zunimmt, das sind die Fragen, ob das Messeteam seine Pflanzen von der Wand eigentlich noch braucht oder ob man sich diese mitnehmen könne.

Ab 16 Uhr dann ist es soweit. egapark-Vertreterin Ivonne Stampf und Katrin Weißkopf von der BUGA beginnen mit dem finalen Blumenverschenken. Gewissenvoll ziehen sie die braunen und schwarzen Plastiktöpfchen aus ihren Alu-Übertöpfen und stellen sie auf den extra freigeräumten Messecounter, der wegen der trockenen Blumenerde zunehmend einem Beet gleicht.


BUGA-Marketingchefin Katrin Weißkopf verschenkt die Erfurter Blümchen.

Binnen weniger Minuten bildet sich am Stand eine Menschenschlange, die bis zum Auftritt der Thüringer Gastlichkeit hinüberreicht. Alle wollen sie eine der nicht mehr ganz so frischen kleinen Erfurter Blumen haben.

Auch Gerlinde Rumpf aus Bernau bei Berlin steht geduldig an und wartet, dass die Damen auch ihr eine Blume schenken. Als sie an der Reihe ist, da freut sich die Seniorin, eine echte Erfurter Primel in den Händen halten zu dürfen. Sie sei sogar später zur ITB aufgebrochen, weil sie zuvor noch den MDR Garten aus dem egapark gesehen habe. „Dort hat man auch schon die Bundesgartenschau angekündigt“, erzählt Rumpf, die ursprünglich aus dem thüringischen Artern stammt, voller Stolz. Spätestens 2021 wird sie dafür wieder in die Landeshauptstadt kommt, das steht für die Wahl-Bernauerin außer Frage.

Und dass sie nun sogar einen eigenen kleinen BUGA-Zögling habe, das würde sie zusätzlich mit Vorfreude erfüllen.


Erst als alle 300 Töpfchen verschenkt sind, der weißgraue Teppich inzwischen von einem irdenen braun durchzogen ist und selbst das letzte Samentütchen vom Messecounter verschwunden ist, kommt das Messeteam ein wenig zur Ruhe. Man könne ein positives Fazit ziehen, sind sich alle einig. Den Berlinern, aber vor allem den Fachbesuchern, konnte man zeigen, dass sich Erfurt auf die BUGA freut und die Landeshauptstadt spätestens 2021 eine Reise wert sei.


Text und Fotos: Paul-Philipp Braun