• Paul-Philipp Braun

Zurück zum Volkspark

Aktualisiert: 5. Apr 2019


Wer heute im Erfurter Nordpark unterwegs ist, der hat sein Gemüse in kleinen bunten Plastikdosen dabei. Wer vor etwas mehr als 100 Jahren im Nordpark unterwegs war, der fand das Gemüse auf dem und im Boden.


Bei schönem Wetter herrscht im ehemaligen Volkspark noch immer ein buntes Treiben.

Nicht immer war das, was die Erfurter heute als grüne Lunge der Stadt bezeichnen ein Park. Im Gegenteil. Über Jahrhunderte wurde die Fläche, die über eine ausgezeichnete Bodenzusammensetzung verfügt als reines, fettes Ackerland genutzt. Kartoffeln, Karotten und vor allem Blumenkohl wuchsen in der Aue. Das weiß der Erfurter Historiker Steffen Raßloff: „Das, was wir heute liebevoll als Blechbüchsenviertel benennen – also die Ecke um Ilversgehofen herum – entstand erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts.“ Damals habe sich die spätere Landeshauptstadt im Zuge der Industrialisierung ausgedehnt. Für die immer größer werdende Zahl an Arbeitern brauchte es Platz. Und diesen habe man, so Raßloff, auf den Feldern entlang der Gera gefunden: „Die Stadt war damals an der Auenstraße zu Ende. Danach kam lange nichts. Viele Gebäude entlang der Nordhäuser Straße und auch am Nettelbeckufer entstanden erst in den 1920ern.“


Steffen Raßloff ist Historiker, BUGA-Freund und Nordpark-Liebhaber.

Dass der Platzhunger der damaligen Erfurter vor dem Nordpark jedoch Halt machte und die Äcker zum Volkspark umfunktioniert worden, dies sei vor allem dem Zeitgeist der Jahrhundertwende zu verdanken: „Mit der Gründerzeit wuchsen in ganz Deutschland sauber angelegte und mit preußischer Ordnung unterhaltene Parks aus den Städten. Unser Stadtpark ist dafür ein gutes Beispiel.“ Der Nordpark habe wiederum eine Gegenbewegung gebildet. Ganz im Sinne eines klassischen Volksparks entstanden Turn- und Bewegungsmöglichkeiten, ausgedehnte Picknick-Wiesen und sogar ein eigens eingerichtetes Freibad.


Dabei ist das, was für die Erfurter heute integraler Bestandteil ihrer Stadt ist nicht älter als 100 Jahre, wie Steffen Raßloff erklärt: „Der Nordpark und auch das Bad entstanden zwischen 1919 und 1925. Im Park konnte man damals noch Faustball spielen, ein Fußballplatz lud zum Bolzen ein und Bauhaus-Architektur dominierte die Optik des Nordbades.“



Kaum ein Baum stammt aus der Entstehungszeit des Parks. Meist wurden sie erst in den 1950ern gepflanzt.

Auch einige Bäume seien damals gepflanzt worden, schließlich sollte der Nordpark ja eine Art Naherholungs-zentrum für die Erfurter werden.

Von den damaligen Baumpflanzungen ist heute kaum noch etwas übrig. Und das liegt nicht an der BUGA. „Spätestens im Hunger-Winter 1945 auf 1946 wurden viele der dortigen Bäume abgesägt und zu Brennholz verarbeitet“, sagt Historiker Raßloff. Zusammen mit den Trümmerbergen, die auf der freien Ablagefläche des Parks schon während des Zweiten Weltkrieges entstanden waren, habe dies zur Mitte des 20. Jahrhunderts eine unwirkliche Umgebung dargestellt.


Dass der Nordpark heute wieder einem Park gleiche und nicht mehr einer vermeintlichen Mondlandschaft, das habe sich erst in den 1950er und 60er Jahren entwickelt. Auch die sozialistische Stadtregierung habe damals nämlich an das Ideal des Volksparks anknüpfen wollen, sagt Raßloff.

Nun sind es die Veränderungen im Zuge der Bundesgartenschau, die das Erscheinungsbild Erfurts größten Parks wieder anpassen werden. Für Steffen Raßloff ist es ein „Jahrhundertprojekt“, das er ausdrücklich begrüßt: „Schon allein aus historischer Sicht ist es gut, wenn sich der Park in seiner Optik ein wenig wandelt. So können wir noch enger an die Vorstellung eines Volksparks herantreten.“ Er freue sich auf die Bundesgartenschau und die mit ihr verbundenen Änderungen im Nordpark und der Geraaue.


Text und Fotos: Paul-Philipp Braun

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